Menschen weebee am 11 Oct 2010 - 21:30
MehrWert
“Money isn’t everything”, oder doch?
Ich erinnere mich an die Worte, die er sagte, als wir ihn gerade ein paar Minuten “kannten”.
“Geld beruhigt!”
Es ist Sonntag, der 10. Oktober 2010, 5 Uhr 30, Matthias und ich sind unterwegs, wir waren feiern, denn wir sind jung. Am frühen Morgen laufen wir unbekümmert durch die Straßen unserer Heimat, als wir plötzlich aus dem Gespräch gerissen werden. Ein älterer Herr winkt uns auf die andere Straßenseite. Er sieht freundlich aus, aber die Frage, wo man noch etwas “saufen” könne, lässt den Anstand vermissen. Es passt nicht zu seiner Kleidung, nicht zu seiner Armbanduhr. Wir kommen ins Gespräch, gehen ein paar Meter in die gleiche Richtung. Der Mann sagt, dass er uns einlädt.
Während wir uns wundern, zieht er Geld aus seiner Tasche. Ein sauber gefalteter Stapel Geld und wie erkläre ich die Menge, ohne die Summe zu nennen, die ich auch nicht weiß.
Ich schätze: jemand der in einer Stunde 1 Euro verdient, 8 Stunden am Tag arbeitet, muss das
25 Monate tun – ohne sich jemals etwas zu kaufen.
In meinem Kopf spielen die Gedanken Tennis. Plötzlich erhöhen sich die Möglichkeiten für diese eine Nacht, aber ich bekomme ein distanziert schlechtes Gefühl. Der Mann lässt nicht von uns ab, möchte um jeden Preis, dass wir mit ihm weiter ziehen. Wir laufen irgendwie ziellos, mir ist kalt und intensive Gespräche sind kaum möglich. Er lebt woanders und sagt oft Dinge, die uns beeindrucken sollen und das tun sie.
Wir setzen uns in ein Taxi und fahren zu einem Club. Ich nehme Matthias’ Hand und sage, dass ich Angst habe. Das Taxi hält, Matthias steigt aus, ich bleibe und fange an zu begreifen, dass der Mann sich Menschen kauft, damit sie tun was er will. Natürlich holt der Taxifahrer uns wieder ab, egal wann. Ich steige aus, Matthias und ich verharren vor dem Eintrittshäuschen. Darin eine junge Frau, offentsichtlich geprägt von dem Stoff der Nacht. Ich habe das Gefühl, dass sie sich über uns lustig macht, weil wir nicht gleich den Eintritt bezahlen und dann spüre ich dieses Gefühl von Überlegenheit. Erleichterung als auch der Mann aus dem Taxi steigt. Er zückt den Stapel Geld und ich frage mich, warum er immer und immer wieder den ganzen Stapel in die Hand nimmt. Es macht Eindruck, überall sind die Menschen plötzlich wach und übertrieben freundlich. Er bezahlt den Eintritt und wir gehen in den Club und wieder bekomme ich das Gefühl von Überlegenheit. Dieses Gefühl erkenne ich auch bei Matthias. Der Mann möchte uns Drinks kaufen, ich möchte ein Wasser, bekomme aber keins, denn es muss Alkohol sein. Er bezahlt und ich merke wie mir alles zu Kopf steigt. Ich bin oberflächlich ausgelassen, denn das ungute Gefühl lässt mich nicht los. Matthias und ich tanzen, der Mann sitzt am Rand und das erste Mal sehe ich es. Der Mann schaut den jungen Menschen zu, fast sehnsüchtig schaut er sie alle an. Matthias setzt sich zu ihm, weil er sonst alleine wäre. Ich tanze weiter, habe längst verstanden. Den Drink bekomme ich nicht getrunken, denn ich bin ergriffen von all der Absurdität und Tragik. Ich verlasse den Raum, sehne mich nach einem anderen Ort. Ich werde angesprochen – Feierabend – suche den Weg nach draußen – ich bin allein. Ich bin hin und her gerissen – all die Möglichkeiten die noch offen stehen. Ein Taxi nach Hause, ein Zimmer in einem Hotel. Dann sehe ich Matthias wie auch er den Club verlässt und frage nach dem Mann. Der Mann wollte den Club nicht verlassen, steht da und tut das was er offentsichtlich am Besten kann: mit seinem Geldstapel wedeln. Ich bin mitgenommen, wir gehen und nur ich blicke noch ein Einziges Mal zurück.
Die Erzählung dieser Begegnung wirkt wie etwas in 2D.
Matthias und ich durchlebten innerhalb von 2 Stunden so ziemlich alle Gefühle, die man haben kann.
Eifersucht, als der Mann sich mit anderen unterhält. Staunen, weil plötzlich etwas passiert ist, dass sonst so weit weg erscheint. Traurigkeit, weil man vermutet hat, dass der Mann einsam ist. Wut, weil auch wir haben uns kaufen lassen. Macht, weil sein Geld kurzzeitig auch unser Geld war. Lust, weil es so verführerisch war. Gier, weil es einfach nicht enden sollte. Angst, weil Vertrauen unergründlich schwer fiel.
Der Weg des Mannes hat mich nicht nur berührt, sondern geprägt.
Matthias und ich sitzen im Bus, wir setzen unsere Sonnenbrillen auf und lächeln uns an. UNBEZAHLBAR und mehr Wert!
Epilog
Ganz sicher macht viel Geld nicht zwangsläufig einsam und unglücklich. Es ist die Sicht, die entscheidet und ich bin dankbar für diese Verführung, die Einladung und die Möglichkeit zu hinterfragen. Der Interpretationsspielraum hat keine Grenzen, denn
“Du gleichst dem Geist, den du begreifst.”






